Wichtig ist auf’m Platz? Die Medialisierung des Fußballs und die Auswirkungen auf Fußballfans

Der Fußball gilt hierzulande als die beliebteste Sportart. Aufgrund des großen Zuschauerinteresses sind die Bundesligen (DFL), sowie die Profivereine in der Medienberichterstattung und der öffentlichen Wahrnehmung allgegenwertig. Medien und Fußball verbindet an dieser Stelle nicht nur eine wirtschaftliche Abhängigkeit, sondern sie verfolgen ein gemeinsames Ziel: die bestmögliche Präsentation des Produkts. Für den Fußball hat dies zur Folge, dass er sich im Laufe der Jahre stetig verändert und an mediale Bedürfnisse angepasst hat. Diese Orientierung kann unter dem Begriff Medialisierung des Fußballs zusammengefasst werden.

Anpassungen von Anstoßzeiten, Wettbewerben und Regeln

Zum Bundesliga-Start der Saison 2021/22 stellt sich wieder mal die Frage, wann die Spiele eigentlich genau stattfinden und wo sie übertragen werden. Vor rund 20 Jahren war das noch einfach zu beantworten: Sieben Spiele fanden samstags um 15:30Uhr und zwei Spiele sonntags um 17:30Uhr statt. Wer alles live sehen wollte, konnte dies über einen einzigen privaten Pay-TV-Anbieter realisieren. Dies hat sich aufgrund des exponentiellen Anstiegs der TV-Vermarktung entscheidend verändert. Bekam die DFL in der Saison 1956/66 noch rund 0,65 Millionen Mark, sind es in der kommenden Saison ca. 1,1 Milliarden Euro. Diese Entwicklung geht einher mit einer Verteilung der Spiele auf verschiedene Anstoßzeiten sowie Medienanbieter. So benötigt man in der kommenden Saison bereits zwei Pay-TV-Abonnements, um alle Spiele der 1. Bundesliga verfolgen zu können. Profiteure sind neben der DFL die Bundesliga-Vereine selbst. So erhält beispielsweise der FC Bayern München für die kommende Saison Einnahmen in Höhe von 90,4 Millionen Euro.

Ein weiteres Indiz für die zunehmende Medialisierung des Fußballs sind Anpassungen der Wettbewerbe. Die Aufstockungen der Weltmeisterschaft auf 32, im Jahr 2026 auf 48 Nationen, sowie der Europameisterschaft auf 24 Nationen bringen den Medienanstalten und dem Fußball weitere exklusive Sendezeit sowie zusätzliche Einnahmen. Im nationalen Bereich seien an dieser Stelle die 2008 wiedereingeführten Relegationsspiele zu nennen, welche ebenfalls weitere Sendezeit sowie eine Intensivierung der Dramaturgie bieten und sich somit perfekt an die Medienlogik anpassen.

Auch direkte Regelanpassungen spielen bei der Betrachtung von Medialisierung eine Rolle. Um einen offensiveren und damit attraktiveren Fußball präsentieren zu können, wurden beispielsweise die Rückpassregel verändert (Torwart darf den Ball nach Rückpass nicht mehr in die Hand nehmen) und die Drei-Punkte-Regel eingeführt. Beide Regeln dienen dazu, das Spiel zu beschleunigen sowie das Angriffsspiel zu fördern und zielen auf eine Steigerung der Dramatik ab. Eine bedeutende Anpassung des Regelwerks ist der seit der Saison 2017/18 eingeführte Videobeweis. Auch hier ergeben sich durch die teilweise spielprägenden und stark inszenierten Entscheidungen weitere Formen der Dramatisierung der Ereignisse.

Da die Medienanstalten stark daran interessiert sind, gerade bei Fußball-Großveranstaltungen neben den klassischen Sportfans auch weniger sportbegeisterte Zuschauer zu erreichen, werden immer häufiger neue Elemente genutzt, die zu einer Verschmelzung von Show- und Sportformaten führen können. Aufgrund dessen finden immer häufiger Unterhaltungsprogramme vor, zwischen oder nach den Halbzeiten statt.

Auswirkungen auf Fußballfans

Die Allgegenwärtigkeit des Fußballs in den Medien führt dazu, dass sich mit sogenannten Medienfans eine neue Form der Fankultur gebildet hat, welche in der Regel außerhalb der Stadien vor dem heimischen Fernseher ausgelebt wird. Dieser Entwicklung gegenüber stehen Ultras, welche in organisierten Gruppen das Ziel verfolgen, ihre Mannschaft live im Stadion zu unterstützen. Durch die Aufsplittung des Spieltags sehen sie ihre Leidenschaft stark gefährdet, da es durch die veränderten Anstoßzeiten immer problematischer wird, ihren Verein (gerade auswärts) vor Ort zu unterstützen. Mit organisierten Protestaktionen wie den Kampagnen „Pro 15:30“ oder „12:12“ widmeten sich die Ultraszenen in der Vergangenheit verschiedenen Themen. Sie fordern unter anderem den Erhalt der 50+1-Regel, ein Ende der Eventisierung sowie fangerechte Anstoßzeiten – eine Problematik, auf welche in dieser Saison durch den Wegfall von Montagsspielen eingegangen wurde.

Auch Regelanpassungen und Showelemente werden durch aktive Fanszenen sehr kritisch gesehen. Diese Kritik äußert sich immer häufiger in Form von visuellen und akustischen Protestaktionen wie Bannern und Fangesängen und lässt sich deshalb als eine der bedeutendsten Auswirkungen der Medialisierung auf die Ultras interpretieren. Denn die mediale Darstellung von Fankurven wurde von den Ultraszenen in der Vergangenheit gezielt genutzt, um sich selbst medial zu inszenieren und auf eigene Ansichten überregional hinzuweisen.

Fazit und Ausblick

Aufgrund der Corona-Situation schien die Entwicklung der Medialisierung vorübergehend gestoppt. Die DFL nimmt beispielsweise für die kommende TV-Vermarktung rund fünf Prozent weniger ein als noch vor vier Jahren. Nichtsdestotrotz zeigen Rekordablösesummen wie beim Transfer von Jack Grealish (Manchester City) für umgerechnet 118 Millionen Euro, dass der europäische Fußball die Corona-Krise nahezu unbeschadet überstanden hat. Ein Grund dafür sind die auch in der Bundesliga durchgeführten Geisterspiele. Die Vereine haben zwar Verluste durch entgangene Ticket-Einnahmen hinnehmen müssen, doch die Einnahmen durch die TV-Vermarktung machen diese fast vergessen. Auch mit der in Aussicht stehenden, gestaffelten Fan-Rückkehr wird sich an diesem Ungleichgewicht wohl kaum etwas ändern. Zudem werden Ultraszenen den Spielen zunächst fernbleiben, was Proteste oder Kritik quasi verstummen lässt. Doch die Entwicklung der Medialisierung bewirkt auch Positives. Vorbei sind die Zeiten, in welchen man im Videotext die Ergebnisse als Live-Ticker verfolgte. Es ist möglich, jedes Spiel seiner Lieblingsmannshaft der ersten drei Profiligen ortsungebunden live im Fernsehen zu verfolgen. Dieses Vergnügen hat jedoch seinen Preis (Pay-TV), da es für das komplette Angebot mit Sky, DAZN und Magenta TV bereits drei Anbieter gibt.

Über weitere zukünftige Entwicklungen lässt sich aufgrund der anhaltenden Corona-Situation nur spekulieren. Es wird vermutlich zu einer Zunahme von Medienfans kommen, während die Ultraszenen mit der Rückkehr ins Stadion die Kritik an DFL und DFB wieder hörbar machen werden. Durch die Bedeutung der Medien und dem Einfluss des Geldes scheinen auch Spiele im Ausland nicht utopisch. Die spanische Liga zeigt mit ihrem in Saudi-Arabien ausgetragenen Supercup wo die Reise hingehen könnte.